Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

  

Die Bändigung der Donau

Wie die Donau gebändigt wurde Jahrhundertelang versuchten die Wiener, den Zugang zu ihrem Hauptfluss nicht zu verlieren und sich gleichzeitig vor Fluten zu schützen: Umweltgeschichte, die auch ein Fenster in die Zukunft ist. (…)

Rekonstruierte Donau

Die Ursachen sind vielfältig: Erstens sinkt das Wiener Becken auch heute noch durch tektonische Vorgänge. Zweitens spülen die Wienerwaldbäche von Westen her viel Sediment in die Donau. Und drittens wurden die natürlichen Tendenzen offenbar durch menschliche Aktivitäten verstärkt: So hat z. B. die Ausweitung von Ackerflächen bis in das Spätmittelalter hinein die Erosion der gerodeten Gebiete verstärkt – und wo die Donau langsamer fließt, lagern sich Schwebestoffe und Geröll ab.

Eine wichtige Konsequenz für die Wiener war, dass der Wiener Arm immer wieder zu verlanden drohte, erläutert Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin am Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt. Sie leitete das FWF - Projekt Enviedan (Environmental History of the Viennese Danube), in dem die Geschichte der Donau und ihrer Regulierung von 1500 bis 1890 im Wiener Raum erforscht wurde.

Winiwarter stellte dazu ein interdisziplinäres Team aus Historikern und Naturwissenschaftern zusammen – unter ihnen Martin Schmid (Uni Klagenfurt), Severin Hohensinner (Boku) oder Christoph Sonnlechner (Wiener Stadt - und Landesarchiv). In zweieinhalbjähriger Arbeit wurden unzählige historische Dokumente analysiert und mit Wissen über Gewässer, Fließdynamik und Ökologie verknüpft

Das Ergebnis des Projekts sind Karten, in denen der Lauf der Donauarme zu zehn Zeitpunkten rekonstruiert wurde. Dokumentiert wurden alle technischen Maßnahmen (samt politischen Debatten und wirtschaftlichen Hintergründen) sowie die langfristigen Folgen. Die Ergebnisse wurden nun in einer Artikelreihe in der Juliausgabe des International Journal of Water History (5, 2, S. 101 - 239) veröffentlicht.

Neue Flussarme

Der Einblick in die lange Geschichte der Wiener mit ‚ihrer‘ Donau öffnet die Augen für die Dynamik, mit der der mächtige Strom die Stadt prägte“, so Winiwarter. Wien und die Donau hätten eine gemeinsame Geschichte, langfristig zeigten die beiden eine „dynamische Ko - Evolution“, formuliert es die Forscherin.

Spätestens nach einer Serie großer Überschwemmungen und Eisstöße um 1565 wurde der gewundene Tabor-Arm (von dem der Wiener Arm abzweigte) durch den gerade verlaufenden Wolf-Arm als größtes Gerinne abgelöst. Die Folge: In den Wiener Arm floss weniger Wasser, es bildeten bzw. vergrößerten sich Inseln (aus dem „Unteren Werd“ z. B. entstand die Rossau). Der Zugang der Stadt zur lebenswichtigen Transportader (und Kloake) war akut gefährdet. Zudem veränderte sich die Bedrohung durch Hochwasser und Eisstöße – und auch die Grundbesitzer waren alarmiert, weil sich ihre Flächen veränderten.

Die städtischen Behörden, die NÖ - Regierung und Kammer sowie der Habsburgerhof (Hofkammer und Hofkriegsrat) machten sich Gedanken, wie man das Wasser zurück in den Tabor- Arm leiten könnte – etwa durch einen Damm im neuen Hauptarm. Der Erfolg wa r aber bescheiden: Die Debatten zwischen Behörden und Betroffenen (Brückenmeister, Salzschiffern, Fischern, Grundeignern) dauerten ewig, die Finanzierung war schwierig, die technischen Möglichkeiten unzureichend.

Ab 1610 begannen sich die Wiener mit der Situation abzufinden: Sie sahen ein, dass man die Wassermassen nicht umleiten könnte; man wollte aber zumindest den Wiener Arm schiffbar erhalten und die Stadt besser vor Fluten und Eisstößen schützen. Vor allem am Beginn des Wiener Arms bei Nußdorf wurden große Bauwerke errichtet, um die Ufer zu schützen. Wasserpflüge wurden eingesetzt, um Sedimente zu lockern, damit sie schneller weggespült werden. Und man schüttete sogar einen der Donauarme zu, in die sich der Wiener Arm abgespalten hatte.

Gleichzeitig erwies sich der neue Wolf- Arm als nicht stabil: Er teilte sich in mehrere Flussläufe und bildete große Mäander, die bereits genutzte Inseln bedrohten. Etwa den Prater, das Jagdrevier der Habsburger: Die Ufer wurden befestigt, zudem wurden zwei je 340 Meter lange Kanäle gegraben, die die Strömung umlenken sollten.

All diese Maßnahmen erforderten immens viel Geld, Arbeitskräfte, Baumaterial und Holz. Dennoch wurden im 16. Jahrhundert alljährlich im Schnitt 350 Laufmeter Uferbefestigungen (Flechtzäune, Faschinen), Senkkästen, Dämme, Wehren, Leitwände, etc. geschaffen. Wenn ein Wasserbauwerk einmal errichtet war, dann war es damit freilich noch nicht getan: Es musste jedes Jahr erneuert oder zumindest ausgebessert werden. Die meisten Bauwerke waren kurzlebig, im Schnitt waren es zehn Jahre.

Besonders gefährdet waren Brücken, die vielfach jedes Jahr erneuert bzw. ausgebessert werden mussten. Gerade bei ihnen zeigten sich auch negative Folgen von Wasserbaumaßnahmen deutlich, erläutert Winiwarter: Eisschollen stauen sich bevorzugt an Engstellen – sei es zwischen Inseln oder zwischen menschengemachten Hindernissen wie den Brückenpfeilern. „Der Mensch erzeugt das Problem selbst“, so die Forscherin. Grundsätzlich gilt: Jede Wasserbaumaßnahme hat stromabwärts Folgen – etwa durch Ablagerung von Material an Stellen, an denen man es nicht haben will, oder – bei Erhöhung der Fließgeschwindigkeit – durch verstärkte Erosion. Und wenn man Hochwasser oder Eisstöße möglichst rasch ableiten will, dann wurden sie stromabwärts umso schlimmer

Der technische Fortschritt ermöglichte nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683 immer größere Wasserbauten: etwa einen Damm, der verhinderte, dass das Heustadelwasser zum Wiener Arm durchbrechen konnte. Oder einen vier Kilometer langen Durchstich durch zwei Mäander des Wiener Arms unterhalb der Stadt.

Aktive Beeinflussung

Das späte 18. und das 19. Jahrhundert standen im Zeichen der Suche nach einer großen Lösung – einem aktiven und umfassenden Eingriff in die Kinetik des Flusses, der nicht nur La nd und Wasser stabilisieren, sondern auch die Siedlungen schützen sollte. Die Donau hatte sich damals auf die nördlichsten Arme konzentriert. Durch riesige Dämme wie z. B. den Hubertusdamm oder den Praterdamm (beide nach 1780) wurden große Areale für eine dauerhafte Besiedlung und für erste Industriebetriebe (und später Bahnhöfe) gesichert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden jährlich 2.200 Laufmeter Wasserbauten errichtet. Deren Haltbarkeit lag bei durchschnittlich 17 Jahren.

Diese Maßnahmen beschränkten sich allerdings weiterhin nur auf kleine Bereiche der Flusslandschaft – der größte Teil der Donau blieb naturnah. Das änderte sich, nachdem 1850 die Donau - Regulierungs - Kommission gegründet wurde: Die Pläne für einen schnurgeraden Donaudurchstich wurden 1870 und 1875 realisiert, in den Jahrzehnten danach wurden die Dämme erhöht. Durch solche Großvorhaben vermehrten sich die Wasserbauten im 19. Jahrhundert im Schnitt um jährlich 5.160 Laufmeter, ihre Lebensdauer erhöhte sich auf 23 Jahre.

Die Donau wurde damals grundlegend transformiert: Der Fluss verlor fast alle ständig durchflossenen sowie toten Arme, das dynamische Wechselspiel zwischen der Bildung neuer Flussarme und Verlandung (zuvor jährlich rund ein Prozent der Wasserfläche) kam ganz zum Erliegen.

Abgesehen von den ökologischen Folgen hat die große Donauregulierung ihren Zweck erfüllt: Sie hat die dauerhafte Expansion der Stadt in zuvor unbesiedelte Areale ermöglicht und selbst die beiden jüngsten Jahrhunderthochwasser überstanden. Allerdings, so betont Winiwarter, sei Regulierung niemals beendet, weil die Energie des Flusses nicht völlig kontrollierbar ist. Die Geschichte ist für sie wie ein Blick in einen „fernen Spiegel“: Die Rekonstruktion des Naturzustands sei ein Fenster in die Zuku nft. „Wir haben die ganze Infrastruktur mit billiger fossiler Energie gebaut“, so Winiwarter. Wenn künftige Gesellschaften mit weniger Energie auskommen müssen, dann könne das Ausmaß der Eingriffe in die Natur nicht aufrechterhalten werden – und daher sei der Blick in die Vergangenheit eine wichtige Grundlage für alle Planungen der Zukunft.

 

Autor: Martin Kugler aus „Die Presse am Sonntag“, 14.7.2013. S. 22/23.