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Der Rosenweg

Klein, unscheinbar, überwuchert. So präsentiert sich heute der Rosenweg von der Daringergasse zur „Bellevue". Man könnte ebenso gut sagen: romantisch, still, bezaubernd, denn eigentlich ist es unfassbar, dass in einer Großstadt ein solides Paradies bestehen kann.

 

 

 

 

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Welche Werte erhalten heute den Weinbau in Sievering? 

Einst zogen sich die Weingärten von den Anhöhen des „Haseleks“, des „Hoken- und Sunperchs“ sowie des „Gspötts“, der „Gallein“, des „Meisel- und Hornsperges“ bis hinab in die Niederungen des Erbsenbachtales. Diese Riednamen scheinen schon im ältesten Zehentregister des Stiftes Klosterneuburg aus dem Jahre 1355 auf und haben noch heute ihre Gültigkeit. Solange reicht urkundlich nachgewiesen der Weinbau in unserem Ort zurück; aber nach allgemeiner geschichtlicher Überlieferung gibt es den Weinbau in unseren Gegenden schon viel länger: gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. (unter Kaiser Probus) sollen römische Legionssoldaten an den sonnigen Abhängen des Kahlenberges Weinreben gepflanzt haben. Und nach den neuesten Funden und Forschungen haben die Römer schon Weinbau bei den Kelten vorgefunden, veredelten die wild wachsenden Reben mit ihren Sorten aus dem Süden und kultivierten so den Weinbau. Nach dem Abzug der Römer und mit Beginn der Völkerwanderung um die Mitte des ersten Jahrtausends n. Chr. übernahm die keltische Urbevölkerung, die im Dienste der Römer gestanden hatte, den Weinbau und pflegte ihn auch während der Wirren der folgenden Jahrhunderte.

In diesen unruhigen Zeiten kämpften bayerische Ansiedler mit den wilden Reitervölkern der Avaren und Slawen aus dem Osten, bis unter Karl dem Großen (um 800 n. Chr.) im Schutze der neu gegründeten Ostmark der Weinbau wieder erblühte und sich auf der Donau ein lebhafter Handelsverkehr entwickelte. Um 900 n. Chr. beeinträchtigten Magyarenstürme die aufstrebende Entwicklung sehr, bis die Ungarn durch König Otto I. auf dem Lechfelde bei Augsburg im Jahre 955 geschlagen und nach und nach über die Leitha zurückgedrängt wurden. Im Jahre 976 wurde Leopold I. aus dem Hause Babenberg mit der Markgrafwürde von „Ostarrichi“ belehnt und es kamen fränkische Ansiedler in das verödete Land; sie bauten zum Teil die alten bayerischen Niederlassungen wieder auf, legten aber auch neue Siedlungen an.

 

 An einer günstigen Stelle des Hanges wurde in der Nähe des Baches ein Stück Bauplatz eingeebnet, der Keller in den dahinter steil ansteigenden Berg eben hineingegraben und, wenn notwendig, die Wölbung zur Stützung mit Ziegeln untermauert. Vor dem Keller errichtete man das Presshaus; dieses enthält die Baumpresse (vgl. Sieveringer Str. 112). Gegen den Bach bzw. gegen die Straße zu wurden in zwei Reihen oder — wenn weniger Platz war — nur in einer die Wohn- und Wirtschaftsgebäude derart angeordnet, dass die Giebelseiten mit meist nur zwei Fenstern nach vorne schauten und durch die wuchtige Toreinfahrt miteinander verbunden waren. Das ganze Haus umgab den Hofplatz schützend in einer U- bzw. L-förmigen Anordnung. So entstand ein Reihenhaus in typisch fränkischer Bauweise (vgl. die Hauerhäuser Sieveringer Str. 172 und 251). Das Aneinanderreihen solcher Gehöfte ergab ein in sich geschlossenes Straßendorf, das nur zwei Eingänge hatte, die in Zeiten der Gefahr verrammelt wurden. Jeder Hausvater verteidigte dann nur den hinteren Eingang seines Anwesens oder eilte den Nachbarn zu Hilfe. Derartige Reihenhäuser wurden von den Weinbauern auch später noch, bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in gleicher oder abgewandelter Form nachgebaut. 

Hinter dem Hause wurde am Abhang des Berges ein winterharter Zwetschkengarten gepflanzt und erst im oberen, witterungsbegünstigten Teil beginnt der sogenannte „Hausweingarten“. Ihn finden wir noch hinter den Häusern Sieveringer Straße 58, 99, 108, bis vor kurzem 112, 111, 145, 153 und 172.

Unter der Herrschaft der Babenberger kam es zu einer Blüte des Weinbaues in unserer Gegend: Markgraf Leopold III., der Heilige, schenkte im Jahre 1134 das Lehen Sievering dem Stifte Klosterneuburg, das durch Kauf, Tausch und private Schenkungen in der Zeit um 1300 den größten Grundbesitz hatte; es erwarb sich dadurch den Beinamen „Zum rinnenden Zapfen“. 

Zum Schutze des Wiener Weinbaues erließ Herzog Friedrich II. der Streitbare und letzte Babenberger 1240 ein Verbot der Einfuhr fremder Weine, das von Rudolf von Habsburg 1278 erneuert und in späterer Zeit sich vor allem gegen ungarische und italienische Weine richtete. Auch heute noch bemüht sich der 1884 gegründete Bundesweinbauverband um die Absenkung der Weinimporte (von 400.000 hl im Jahre 1978 auf 170.000 hl im Jahre 1979). Die Verwaltung der Lehen erfolgte durch eigene Bergmeister, welche in Berghöfen amtierten und neben der Einhebung der Abgaben auch eine eigene Gerichtsbarkeit, „Bergtaidinge“, ausübten. Die Kartause Gaming (gegründet 1330), die größeren Besitz in Unter-Sievering hatte, konnte schon im Jahre 1367 einen Bergmeister in Sievering nachweisen, der „vollen und ganzen auf ihrem guet … auch zu üben das gericht des todts“, also das Landgericht besaß.

 Aber auch weltliche „Ministeriale“ hatten Lehen in Sievering inne, so Georg Jakob Saurer von Sauerburg, der im Jahre 1585 einen Meierhof an der Stelle der Neubauten Sieveringer Straße 265 erbaute, der jedoch schon längst abgerissen ist. Ein Untertan besagten Georg Saurer's stiftete am 26. September 1606 jenes Gedenkkreuz, das sich heute noch am Abhang der Daringergasse zur Sieveringer Straße erhebt. Wir betrachten einen schmucklosen Steinpfeiler mit einem Kreuz und der Inschrift: „Hans Daringer, Saurischer Untertan zu Unter-Sievering, hat Gott zu Ehren und den Seinigen zum ewigen Gedächtnis machen lassen dieses Kreuz, den 26. September Anno 1606“.

Ein klösterlicher Meierhof (Sieveringer Straße 170) erregt heute noch unsere Aufmerksamkeit: über dem wuchtigen Torbogen ist das Wappen der Kamaldulenser angebracht. Die steingerahmten Fenster und ein seitlicher Auslug geben dem Hause ein altertümliches, reizvolles Gepräge. Die ausgedehnten Kellergewölbe in diesem Hause, als auch jene in dem früher zu diesem Besitz gehörigen Hause Agnesgasse 1 zeugen von dem Umfang, in dem die Kamaldulenser, welche die Herrschaft durch eine Schenkung Kaiser Ferdinands III. bis zur Aufhebung des Klosters im Jahre 1784 innehatten, in Ober-Sievering den Weinbau betrieben.

Um 1650 ist als Folge des 30jährigen Krieges (1618 bis 1648) ein starker Niedergang des Weinbaues zu verzeichnen. Die süddeutschen Oberländer, bisher Hauptabnehmer des im Wiener Raum erzeugten Weines (Donau als Handelsader), waren verarmt. Ein Beweis dafür, dass damals der Wein nicht so wie heute vom Hauer ausgeschenkt, sondern größtenteils gehandelt wurde. Aber auch in den folgenden Jahren hatten Mensch und Tier, Wald und Flur, die Gehöfte und Weinberge schwer zu leiden. Im Jahre 1679 trat die Beulenpest mit noch nie da gewesener Gewalt auf und es herrschte allerseits ein großes Sterben. Und vier Jahre später, im Jahre 1683, stand der „Türck vor Wien“. Hatte schon die Belagerung des Jahres 1529 der Bevölkerung in unseren Gegenden durch Raub und Brandschatzung, Mord und Totschlag jener, die nicht in entlegene Täler geflüchtet oder sich im Walde versteckt hielten, großen Schaden zugefügt, so wiederholte sich diese Mühsal während der zweiten Belagerung durch die Türken. Am 12. September 1683 brach das Zentrum der Entsatztruppen aus den Wäldern des Kahlengebirges hervor. Um unseren Ort entspannten sich blutige Kämpfe; die Türken steckten den Ort in Brand und metzelten seine Bewohner nieder. Auch die Weinkulturen erlitten unermesslichen Schaden. 

Neue Ansiedler kamen vom Westen die Donau herab, bauten die zerstörten Häuser wieder auf und brachten die Weinreben wieder zum Gedeihen. Aus dieser Zeit stammen die Namen alter Sieveringer Hauerfamilien: Graninger — Mistinger — Reisinger — Schachinger — Wöginger; einige dieser Namen sind bereits wieder im Aussterben begriffen. Natürlich können auch viele Sieveringer Weinbauern mit anders lautendem Namen Vorfahren dieser Namensgebung aufweisen.

Das Jahr 1713 war wieder ein Pestjahr in Wien. Von den 67 Häusern in Sievering waren 62 verseucht und von 413 erkrankten Einwohnern starben 267, nur 146 wurden geheilt.

Im Jahre 1755 erwirkten der Dorfrichter und die Gemeinde Sievering ein Grünhüter- und Plankenpatent. Die Weingärten wurden gegen Rehe und Hirsche aus den nahen Wäldern, die häufig Schaden an den Rebkulturen anrichteten, eingezäunt und ein Grünhüter zur Vertreibung des Wildes bestellt. Der Brauch des Weinhüters, der zur Lesezeit ungebetene Eindringlinge aus den Weingärten vertreibt, hat sich noch ca. ein Jahrzehnt nach Beendigung des 2. Weltkrieges in Sievering erhalten. 

Die Jahre der Franzosenkriege (1805 und 1809) brachten bedeutende Kriegssteuern: 1.000 Gulden Zwangsdarlehen für jedes Haus. Durch die vielen Kriege und Seuchen sowie durch die damit verbundenen erhöhten Steuerlasten, nicht zuletzt durch das verstärkte Aufkommen der Bierbrauerei, ging das Ausmaß der Weingartenflächen gegenüber dem Mittelalter erheblich zurück. Viele Weingärten wurden in Äcker und Wiesenland umgewandelt. So erwähnt das Einbekenntnis der kamaldulenser Eremie vom Jahre 1769 eine Wiese in Ober-Sievering (Zierleiten?) „so vorher 23 Viertel Weingarten gewesen“ (ein Viertel = 28,8 ar).

Als Folge davon entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Nebenerwerb zum Weinbau der Handel mit Obst und Milch. Jeden Morgen fuhr die Frau oder eine erwachsene Tochter mit dem leichten Pferdewagen in die Stadt, um diese Produkte zu verkaufen. Es gab aber auch große Meiereien in unserem Bezirk, z. B. die Meierei „Quiggner“ in der Leidesdorfgasse, welche die ganze Gegend mit kuhwarmer Milch versorgte. Dieser Erwerbszweig verlor seine Bedeutung, als durch die Eröffnung der Eisenbahnen — insbesondere der Kaiser-Franz-Josef-Bahn im Jahre 1870 — frische Milch in großen Mengen und überdies billiger nach Wien gebracht wurde.

Das Revolutionsjahr 1848 brachte die Befreiung von den Grundherrschaften und der Grunddienst, das Bergrecht, der Zehent und die Robotleistungen waren nicht mehr zu entrichten. Erst durch die Gesetze der Grundentlastung wurden die Weinbauern zu unabhängigen Staatsbürgern, und der Boden, den sie bebauten, zu ihrem wirklichen Eigentum. Frei oder unfrei — die schwere Arbeit im Weingarten blieb erhalten.

Die erste und schwerste Arbeit nach dem Winter war früher das Fastenhauen; mit einer großen, zweizinkigen Haue wurde der Boden umgearbeitet. Heute kann durch die Umstellung auf Maschinenarbeit der Boden im Herbst bereits so vorbereitet werden (Spatenpflug), dass die Bearbeitung im Frühjahr leicht und zügig vor sich geht (Grubbern und Hackfräsen). Nach Abschluss des Fastenhauens wurde das „Faledri“ gefeiert: ein festes Essen und ein Trunk vom besten „Nußberger“ kamen auf den Tisch. Und ein besonders fleißiger Arbeiter erhielt den „Weinzettel-Taler“ (1 1/2 Gulden). Mit den ersten Sonnenstrahlen begann im Sommer die Arbeit im Weingarten und endete meist erst mit Sonnenuntergang. Oft wurden 15 und mehr Stunden täglich gearbeitet. Die Kost war einfach und bestand aus Brot, Salz und Kartoffeln, wenig Fleisch, zu Mittag meist Gemüse oder Mehlspeisen. Dazu gab es den aus gewässerten Trestern (Rückstände beim Pressvorgang) gepressten und mit Zucker versetzten „Haustrunk“. Oft wurde nach dem Abendessen das spärliche Licht wieder ausgelöscht, da es zu teuer kam, so dass die Familie bis zur Schlafenszeit im Finstern saß. Dabei waren die Hauersleute damals zufriedener und gesünder als heute. Ein alter Heurigenwirt erzählte mir, dass ihm seine Frau oft zur Sperrstunde Arbeitskleidung und ein tüchtiges Frühstück brachte, damit er nach einigen Stunden der Ruhe gleich mit der Weingartenarbeit beginnen könne.

Oft wird heute in den Buschenschenken nach der Sperrstunde (24 Uhr) die ganze Nacht weitergearbeitet, um den Nachschub an Getränken und Speisen für den nächsten Tag bereitzustellen oder die unbedingt notwendigen Steueraufzeichnungen durchzurühren. Denn in der Frühe geht's mit dem Traktor hinaus zu dringenden Weingarten-Arbeiten oder es werden mit dem Auto Einkäufe und dergl. getätigt. Da verbleibt dem Heurigenwirt und seiner Familie nur ein kurzes, aber sehr notwendiges Mittagsschläfchen.

Trotz dieser harten Tageseinteilung ist die Arbeit des Weinbauern – so wie jedes anderen Landwirtes — als auch der Ernteertrag sehr von Witterungseinflüssen abhängig. Oft blickt der Hauer sorgenvoll zum Himmel, welches Wetter der heutige Tag bringen möge und ob ihm diese oder jene Arbeit noch gelingen wird. Er beobachtet wie kein anderer die „Lostage“ des Jahreskreises. Und aus nicht allzu fernen Tagen ist uns das Wetterschießen zum Schutze vor Hagelschlag, das „Räuchern“ gegen die Frühjahrsfröste (Weckruf des Weinhüters vor Sonnenaufgang) oder sind uns die Bittgänge der Sieveringer nach Weidling am Bach („Regenbeten“) überliefert. Lustigere Veranstaltungen gab es — und gibt es auch heute noch — im Herbst zur Zeit der Weinlese, wenn nach dem Pressvorgang der Most im sicheren Fass im Keller zu „plaudern“ beginnt, und sich so das Herannahen der Gärung ankündigt. Mit einem fröhlichen Erntedankfest, an dem sich Junge und Alte festlich geschmückt beteiligen, wird dem Herrn der Ernte für die reichen Gaben gedankt. Vor drei Jahrzehnten war das Erntedankfest in Sievering noch mit einem Hüterumzug verbunden, bei dem die Weinhüter unter Führung der „Kronenmutter“ (einer ehrwürdigen Winzerin) die reich geputzte Erntekrone, begleitet von Musik und Gesang von Hauerhaus zu Hauerhaus trugen.

Aber nicht immer fiel die Ernte gut aus. Die Chronik berichtet von guten und schlechten Erntejahren, insbesondere auf Grund außergewöhnlicher klimatischer Verhältnisse; im Jahre 1275 fiel Schnee ein und die verdorbenen Trauben mussten unter der Schneedecke hervorgesucht werden (es muss ein Vorläufer von „Eiswein“ gewesen sein!) — der Winter 1316/17 war so hart, dass eine große Hungersnot herrschte und es überhaupt keinen Wein gab — im Jahre 1401 brachte ein dürrer Sommer die Brunnen zum Versiegen und es gab schon zu Margaretha (20. Juli) weiche Weinbeeren. Es war ein gutes Jahr für den Weinbau. — 1450 und 1456 gelangte der Wein nicht zur Reife; er wurde so schlecht, dass man ihn „Reifbeißer“ nannte, als ob er die Fässer zerstörte. Friedrich der III. ordnete an, man solle den Wein auf den Stephans-Freithof führen und mit demselben den Mörtel zum Turmbau anrühren! — 1499 gab es eine so reichliche Ernte, dass Tag und Nacht gelesen wurde, bis der Schnee einfiel. In Eile wurden aus Brettern Behälter — sogenannte „Weinstuben“ — zur Aufnahme des überschüssigen Mostes gezimmert. Viele haben sich zu Tode getrunken. So wechselnd ist das Geschick mancher Erntejahre, und es wurden nur einige genannt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein vernichtender Feind des Weinstockes, die Reblaus, aus Amerika bzw. Frankreich eingeschleppt. Die Reblaus setzt sich an den feinen Wurzeln des Weinstockes fest und saugt daran, bis diese absterben. Die Verbreitung erfolgte mit Windeseile und ganze Weingebiete waren vom Aussterben bedroht. Der Zwettlerhof in Nußdorf, der 1881 noch 216 Eimer geerntet hatte, erhielt im Jahre 1895 nur 13 Eimer (ein Eimer = 56,59 Liter). Nach unzähligen Versuchen wurde ein Mittel zur Rettung des Weinbaues gefunden. Vorher wurde die Rebe durch die Methode des „Vergrubens“ fortgepflanzt: eine Rebe wird seitlich in die Erde gebogen bis sie Wurzeln schlägt. Nunmehr entwickelte besonders Franz Kober (ein Weinbauinspektor) ein Verfahren, wonach die einheimischen, bewährten Sorten auf amerikanische Unterlagsreben, die wegen ihrer stärkeren Faserwurzeln von der Reblaus verschont bleiben, veredelt werden. So konnte man die Gefahr bannen.

Große Männer bemühten sich damals um Österreichs Weinbau, wie August Wilhelm Freiherr von Babo und in Döbling waren Rudolf von Arthaber bzw. Hofrat Demeter von Görög (Grinzing-Lößhof) bekannt, bei denen viele Wiener Weinhauer „in die Schule gingen“.

Im Interesse aller Weinbautreibenden wurde erkannt, dass Zusammenarbeit not tat, und es kam 1884 zur Gründung des „Verbandes der Weinbautreibenden Österreichs“. Als Zweigorgane wurden in der Folge die Landesweinbauverbände und in den einzelnen Ortsgemeinden Weinbauvereine gegründet, so in Sievering am 1. April 1890.

Bis in die Dreißigerjahre dauerte die Neuauspflanzung und Sortenbereinigung der Weingärten in unserer Region. Im Jahre 1930 wurde vom Weinbauverein Sievering ein Rebenvortreibhaus feierlich in Betrieb genommen.

Nach dem zweiten Weltkrieg standen für den Weinbau eher arbeitswirtschaftliche Fragen im Vordergrund. Die Lösung der Probleme brachte die von Prof. Dr. Lenz Moser in Rohrendorf bei Krems seit dem Jahre 1923 in zahlreichen Versuchsweingärten entwickelte Hochkultur. Diese Erziehungsmethode bringt eine große Arbeitserleichterung und führt zur Vollmechanisierung vieler Weingartenarbeiten. In dankenswerter Weise hat sich Herr ÖkR. Josef Nikisch (Sieveringer Str. 172) als erster von Sieverings Weinhauern nach 1945 mit den Problemen der Hochkultur befasst. Er hat dieser Erziehungsform bei seinen Hauerkollegen, die anfangs der neuen Methode abweisend gegenüberstanden, durch die guten Erfolge in seinen eigenen Rieden zum Durchbruch verholfen.

Die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwunges nach 1955 brachten zwar für die Buschenschenker mehr Einnahmen, jedoch wurden ihnen bald immer höhere Steuern auferlegt, so dass Österreich heute den höchsten Steuersatz bei Wein von allen Ländern der Welt aufzuweisen hat. Es war aber auch erforderlich, die Buschenschenken und deren Einrichtungen den Gegebenheiten der modernen Zeit anzupassen, um den Vorschriften der Behörde und den Ansprüchen des Gastes gerecht zu werden. Zusammen mit den neu einzustellenden Maschinen und der Umstellung auf die Hochkultur waren ungeheuere Anstrengungen notwendig, um diese Aufgaben bewältigen zu können. Die von öffentlicher Hand zur Verfügung gestellten begünstigten Kredite (Agrarinvestitionskredit, Kreditaktion der Gemeinde Wien aus den Mitteln der Getränkesteuer und Altstadterhaltungsfonds des Kulturamtes) halfen die ärgsten Klippen zu überwinden, waren aber lange nicht ausreichend. Viele Betriebe haben. den Anschluss an die heutige Zeit erreicht, andere aber hinken nach — wie lange noch?

Der Wiener Weinbau führt einen dauernden Abwehrkampf gegen die städtische Besiedlung. Diesen Vorgang können wir auch in Sievering beobachten.

Wenn wir vom vorher erwähnten Daringerkreuz die Sieveringer Straße aufwärts wandern, so erspähen wir vor allem in Unter-Sievering nur versteckte Reste der althergebrachten Siedlungsform, die zwischen den zahlreichen Neubauten wie Mahner einer vergangenen Kulturepoche hervorlugen: z. B. die Häuser Nr. 79, 81, 87, 93, 99-103, 111, 115, 129, 145, 151, 161, 167 und 169 auf der linken Straßenseite und die Häuser Nr. 46, 58, 70, 76, 78-84, 88, 96, 108 und 120/122 auf der rechten Straßenseite sowie die Häuser Bellevuestraße Nr. 4 und Windhabergasse Nr. 4, 14 und 26-34. Es muss von einer weitgehenden Zerstörung des dörflichen Charakters in Unter-Sievering gesprochen werden, während in Ober-Sievering noch einzelne, geschlossene Zonen vergangener Bauweise anzutreffen sind, die man erst in den letzten Jahren durch geeignete Schutzmaßnahmen zu erhalten sucht (Schaffung von Schutzzonen und Umwidmung des Grünlandes von „Ländliches Gebiet“ auf „Schutzgebiet Wald- und Wiesengürtel“).

In Anbetracht der verschwindenden Hauerhäuser und -familien und der gefährdeten Weingartenflächen, muss es den Weinhauern von Sievering bewusst werden, dass jedes Stück Weingarten, das noch bewirtschaftet wird, und jedes alte Haus, das noch wert ist instand gesetzt zu werden, mitzählt, uns gegen die Verbauungswut und Gewinnsucht der heutigen Bauunternehmer zur Wehr zu setzen.

Wohnblöcke, denen als Dach ein abschreckender Blechwall aufgesetzt wurde, um eine zusätzliche — vom Gesetzgeber geduldete – Wohnetage herauszuschinden, die von „Penthouses“ gekrönt werden, die sich dem verwunderten Betrachter „ohne Dach“ präsentieren (Flachdach), oder offensichtlich in Betonfertigteilbauweise ausgeführt sind, gehören nicht nach Sievering, einem Weinhauerort mit jahrhundertealter Tradition. Aber auch leiterartige Verbauungen von Grundstücken und Wohnhäuser, denen aus welchen Gründen immer, eine markante Betonstiege vorgelagert wurde, stören den Ortscharakter Sieverings sehr. Ferner sollten im Zuge der Renovierung alter Häuser anstatt der nüchternen Verbundfenster stilgerechte Sprossenfenster eingesetzt werden. Die „Bausünden“ der Dr. Karl-Lueger-Zeit nehmen sich dagegen wie Schmuckkästchen aus: vgl. die renovierten Häuser Sieveringer Straße Nr. 107, 143, 149 und 175/175a. Dass auch moderne Bauweise stilgerecht sein kann, beweisen die Wohnhäuser Windhabergasse prov. 4a, Sieveringer Straße 113 und 207; hiezu gehört auch die in der Art eines alten Sieveringer Landhauses erbaute und mit Schindeln gedeckte Villa „Zum dritten Mann“ des Herrn Anton Karas (Sieveringer Str. 173). — Besondere Auszeichnung gebührt den vom Bundesdenkmalamt bzw. vom Kulturamt der Stadt Wien geförderten Generalsanierungen der Häuser Sieveringer Straße 162, 166, 168, 174, 227, 231, 251 und Agnesgasse Nr. 1 und 5, bzw. den Zubauten zu den Hauerhäusern Agnesgasse Nr. 3 und Sieveringer Straße Nr. 112 und 172 im alten Stil.

Würden in Sievering die Hauer alle Weingartengrundstücke verkaufen, säßen sie wohl in vornehmen Landhäusern an der Straße. Der Dorfcharakter Sieverings und die gepflegten Weingärten, die der Landschaft ein einzigartiges Gepräge und einen besonderen Erholungswert verleihen, würden dann in viel rascherem Maße abnehmen als bisher und zuletzt gänzlich verschwinden, wie in vielen Bezirken unserer Heimatstadt, die früher Weinhauervororte waren. Für die Erhaltung einer derart bedrohten Kulturlandschaft müsste es jedem Weinhauer und den verantwortlichen Stellen wert sein, zu kämpfen und ihrBestes einzusetzen.

Sievering war seit altersher verkehrsmäßig schlecht erschlossen. Vor 150 Jahren weiß der Geschichtsschreiber zu berichten: „Sievering liegt in einem Hohlwege, ohne die geringste Annehmlichkeit, daher auch weniger von den Wienern zum Landaufenthalte gewählt“.

Erst seit 1837 lässt sich ein Gesellschaftswagen (Stellwagen) vom Platz am Hof zum ehemaligen Gemeindegasthaus (Sieveringer Str. 117) bzw. zum Gasthof „Zur Agnes“ (Sieveringer Str. 221) nachweisen. Die Eingemeindung mit der Stadt Wien (1890/91) und die im Jahre 1902 eröffnete elektrische Straßenbahnlinie führten zu einem raschen Aufschwung Sieverings als Sommerfrische und auch die „Buschenschenken“ erhielten zahlreichere Besucher als bisher.

Das Recht der Weinbauern, selbst gefechsten Wein auszuschenken, ist sicher schon so alt als der Weinbau selbst; nur war in grauer Vorzeit dieses Recht nicht niedergeschrieben, da die Meisten des Schreibens unkundig waren. Die bestehenden Privilegien wurden unter Kaiser Joseph II. aufgeschrieben („Kaiserliches Patent“) und bildeten seit 1784 die Grundlage für die bis in die neueste Zeit gültig gewesene „Buschenschankverordnung“. Diese erwies sich durch die gesteigerten Ansprüche der Besucher in der Zeit des Wirtschaftswachstums vor allem hinsichtlich der beschränkten Speisenverabreichung für Betriebe, die kein warmes Buffet hatten, als unzureichend. Nach zähem Ringen der Interessenvertretung der Weinbauern mit dem Gast- und Schankgewerbe und dem Gesetzgeber wurde am 17. Oktober 1975 das Wiener Buschenschankgesetz beschlossen. Durch dieses Gesetz wird einerseits die Anpassung des Heurigenbetriebes an die heutige Zeit gewährleistet, andererseits wird festgelegt, dass weiterhin der Föhren- oder Tannenbuschen als Buschenschankzeichen zu gelten hat und dieses nur Buschenschenker, die eben selbst gefechsten Wein zur Ausschank bringen, verwenden dürfen; dadurch wird eine eindeutige Unterscheidung zwischen den gewerblichen „Heurigen-Restaurants“, die auch zugekaufte und nicht im Wiener Weinbaugebiet gewachsene Weine ausschenken dürfen, getroffen.
Der Chronist berichtet über den Heurigenbetrieb vor 150 Jahren: „Alle diese Orte haben das Recht, dass nach verschiedenen eigenthümlichen Bestimmungen in einem nach dem anderen die Hauerleute ihren eigenen Wein der Reihe nach ausschenken dürfen, solange sie Vorrat oder Lust dazu haben. Der Ruf dieser Orte erstreckt sich auch bis auf den sogenannten Wein herab, der übrigens oft alle Eigenschaften eines schlechten Essigs besitzt. So fehlt es denn nie an zahlreichen Zechbrüdern. Fast alle Bauern haben ein kleines Hausgärtchen mit Tisch und Bänken, ihrem Geschmacke und Vermögen entsprechend versehen, welche selten die Sonntagsbesucher zu fassen vermögen, wenn die wohlbekannte Stange mit dem grünen Kranze „Zum Heurigen“ einladet. Aber auch der ehrsame Wiener Bürger pilgert gerne in diese Orte, wo in guten alten Zeiten fast jede Familie einen bekannten Hauer hatte, bei dem sich die Älteren um eine Flasche guten alten Weines versammelten, indes die Kinder im Hof und Garten herumsprangen; und wenn es dann am Abend nach Hause ging, war es wohl oft schwer zu entscheiden, wer mehr „geladen“ habe: der Zeisler oder die Gesellschaft, welche er führte“.

Der Betrieb der elektrischen Straßenbahn nach Sievering wurde im Jahre 1970 eingestellt und durch eine Autobuszweiglinie, die bis zur Agnesgasse geführt wird, ersetzt. Dadurch konnte erst eine wirksame Straßenneugestaltung in Angriff genommen werden. Nach dem schwierigen Ausbau der Agnesgasse (mehrmalige Auswaschung des Straßenuntergrundes), wurde die Umfahrung des mittleren, schmalen Teiles der Sieveringer Straße über die Windhabergasse in Form von Einbahnen in einjähriger Bauzeit vollendet und die Asphaltierung des gesamten Straßenzuges ab der Grinzinger Allee durchgeführt. Zuletzt erfolgte der Neubau der einsturzbedrohten Brücke über den Erbsenbach in Höhe der Agnesgasse. Diese Neugestaltung der Verkehrsfläche bietet auch dem motorisierten Heurigengänger mehr Anreiz, unseren schönen Weinhauerort zu besuchen 

Bei näherer Betrachtung des Buschenschankbetriebes erfahren wir die Einmaligkeit in der Art dieses Erwerbszweiges. Die Grundlage bildet der Weinbau, während in seiner äußeren Erscheinung eine Anlehnung an das Gast- und Schankgewerbe besteht — bei größeren Betrieben mehr, bei kleineren weniger. Gerade in Sievering finden wir relativ viele kleine Betriebe, die nur einige Wochen im Jahr „Ausg'steckt” haben, aber urtümlich und einfach geblieben sind, was diesen Heurigen eine besondere Anziehungskraft verleiht.

 Von den achtzehn Weinhauern, die heute noch in Sievering in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ausschenken, verteilt sich die eine Hälfte auf Ober-Sievering und die andere Hälfte (eine Weinschank miteinbezogen) auf Unter-Sievering. Davon entfallen auf Ober-Sievering sechs Mittel- und drei Kleinbetriebe, auf Unter-Sievering vier Mittel- und fünf Kleinbetriebe. In Ober-Sievering verabreichen sechs Betriebe warme Speisen, in Unter-Sievering drei.

Zweifellos lag die Blüte der Wiener Heurigenkultur im vorigen Jahrhundert, wo sie durch die Volksmusik (Wiener Schrammeln) eine Verfeinerung erfahren hat.

Wenn es heute in Sievering keinen einzigen Betrieb mit Musik gibt, liegt es einerseits an der hohen Besteuerung, andererseits erwartet das „Wiener Stammpublikum“, das zum Teil zu Fuß — aus nächster Umgebung — unsere Buschenschenken aufsucht, diese Musik gar nicht. Der Heurige wird vielmehr als Ort der Entspannung geschätzt, wo man sich fern von den Anstrengungen des Alltags und den Massenmedien ungezwungen unterhalten, wenn nicht gar erholen kann. Und wenn schon gesungen werden muss, dann singen die Gäste eben selbst die altvertrauten Lieder. Sicher war es in Sievering nicht immer so: viele erinnern sich noch gerne an Toni Karas, der erst vor wenigen Jahren den Siebziger feierte, oft bei den Heurigen mit seiner Zither nach dem Kriege aufspielte und durch seinen ausgezeichneten Vortrag bis über die Grenzen unseres Vaterlandes bekannt wurde.

Umbranden uns auch die Wogen der Heurigenbetriebsamkeit vom Schicksal mehr begünstigter Heurigenorte, wie Neustift, Grinzing, Nußdorf und Unter-Döbling, so haben wir Sieveringer Weinhauer uns trotzdem (oder gerade deshalb?) einen echten Platz unter Wiens Heurigen bewahrt. Auf unseren Kalk-Sandstein-verwitterungsböden, die teilweise mit Lehm, Ton, Mergel oder Löß vermengt sind, wächst ein Wein von einer eleganten, rassigen Würzigkeit, dabei einer schönen Blume, Leichtigkeit und feiner Fruchtigkeit im Bukett sowie einer betont spritzigen Säurestruktur, wie ihn die alten Wiener Weinbeisser und jene, die es noch werden wollen, so sehr schätzen.

In den letzten Jahren dürfen wir wieder viele neue Bewohner unseres Ortes begrüßen, die sich rasch eingemeinden; wir „Altansässigen“ sollen ihnen aber auch zeigen, dass sie gerne aufgenommen sind in die Gemeinschaft. Auf der anderen Seite sollen die „neuen Ansiedler“ und die Besucher unseres Ortes erkennen, dass in Sievering die Ruhe und Ordnung geschätzt wird. Jeder Bürger verrichtet gerne seine Arbeit und möchte dann die Stunden der Freizeit genießen. Die laute, überhebliche Art, wie sie unserer Wohlstandsgesellschaft heute leider anhängt, und die so sehr auf die Magennerven und das Gemüt drückt, mögen sie irgendwo weit draußen deponieren und dann wieder mitnehmen, wenn sie aus unserem erholsamen Tal fortziehen.

 Aus dem Bemühen heraus, den Wert der Tradition des Sieveringer Weinbaues an die Nachwelt weiter zu geben, den Wert des noch immer reizvollen Charakters unseres Ortes Sievering und der Umrahmung durch gepflegte Weinhänge zu erhalten, und nicht zuletzt unseren Besuchern, jene Werte einer gemütlichen Heurigenatmosphäre zu bieten, die sie mit Recht von uns verlangen, müssten wir zusammenstehen, um diese Aufgaben auch in Zukunft zu meistern. Damit könnte verhindert werden, dass der Chronist in mehr oder weniger Jahren berichtet: „es war einmal — ein Weinbau in Sievering!“

Quellennachweis:

„Döbling, eine Heimatkunde des XIX. Wiener Bezirkes“ (herausgegeben von Döblinger Lehrern. Wien 1922).

„Wiens Umgebung auf zwanzig Stunden im Umkreise“ (nach eigenen Wanderungen geschildert, Schmidl A. Adolph, Wien 1835-1839).

Autor: Gustav Schreiber

aus 650 Jahre Kirche Sievering 1330-1980