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Als der Trainer noch mit Steinen warf

Ein nach Graz verbannter Student sowie in Wien tätige englische Gärtner brachten den Fußball ins heutige Österreich. Ein Rückblick in die Steinzeit des heimischen Fußballs, als sich Spieler noch mit falschen Bärten tarnten, „Kerzen“ als Glanzleistung bewundert wurden und manch einer gar mit Cognac in der Tasche auflief.

Nach langem Training mit viel Lust. Steigt man dem Gegner an die Brust. Doch nützt uns nichts das heiße Ringen. Uns will kein rechtes Goal gelingen. Während Kicker heute nach dem Spiel interviewt werden, griff man einst selbst zur Feder, um das Match zu analysieren. Mit diesem poetischen Erguss versuchte der Torhüter des Grazer Akademisch-Technischen Radfahrvereins (ATRV) 1895 die Niederlage im bereits städteübergreifenden Fußballspiel zu verarbeiten. Die Grazer hatten den First Vienna Football Club in Wien gefordert. Die Döblinger, ein Team aus Wienern und fußballerprobten Engländern, gewannen bei dem Aufeinandertreffen am 21. Oktober 1895 mit 5:0. Dabei hatte man in der Hauptstadt großen Respekt vor den Grazern gehabt, gab es doch das Gerücht, dass die in Blau-Weiß agierenden Gäste das Spiel schon lang beherrschten. Allein das stimmte nicht. Die „Allgemeine Sport-Zeitung" habe hier eine Falschmeldung verbreitet, zumal doch „keiner der Grazer Spieler das Spiel länger als ein Jahr kannte", wie das „Grazer Tagblatt" kritisch in Richtung der journalistischen Kollegen vermerkte. Nicht, ohne britische Zustände herbeizusehnen. „Hoffen wir, dass die Städte Wien und Graz diese nun Jahr für Jahr geplanten Matches ihrer akademischen Jugend im Lauf der Zeit zur eigenen Ehrensache machen, wie es jenseits des Kanals seitens der rivalisierenden Städte geschieht."

Bloß nicht erkannt werden. Fußball, das war zu Beginn vor allem ein Sport der Studenten auch der Mittelschüler, gesellschaftlich aber noch nicht sehr anerkannt. Junge Spieler tarnten sich öfter mit falschen Bärten und Perücken, um nicht von Professoren erkannt zu werden. Einige legten sich ein Pseudonym zu oder spielten nur unter ihrem Vornamen. Dass der Sport das Gebiet des heutigen Österreich eroberte, war vor allem zwei Faktoren zu verdanken. Britischen Gärtnern, die in Wien ihrem Sport frönen wollten und die lokale Bevölkerung auf den Geschmack brachten. Und einem jungen Prager, den die Eltern fernab seiner Freunde nach Graz verbannten. Damit der junge Mann in einer anderen Stadt der Monarchie von der Idee des in Prag schon bekannten Fußballspiels ablässt und sich auf sein Studium konzentriert.

Doch der junge Mann namens Georg August Wagner dachte nicht daran, sein Hobby zu verwerfen. Seinen Fußball nahm er nach Graz mit. Und er brachte das Spiel den Sportfreunden vom ATRV bei. Auf Wagners Initiative hin fand am 18. März 1894 im Stadtpark auf dem Platz vor der Grazer Landesturnanstalt das erste offizielle, wenn auch noch vereinsinterne Fußballspiel im heutigen Österreich statt. Einen über die Stadtgrenzen beachteten Erfolg konnte das Team im Mai 1896 feiern. Man trotzte der ob ihrer Spielstärke gefürchteten Vienna im Rückspiel in Graz schon ein 1:1 ab.

Die Vienna war der erste Wiener und überhaupt der erste im heutigen Österreich gegründete Verein, der sich ganz dem Fußballspiel verschrieb. Nicht umsonst trägt die Vienna bis heute das „First" stolz in ihrem Namen. In der Hauptstadt war der Fußball zunächst in der Hand von Exil-Briten, doch die Begeisterung der heimischen Bevölkerung wurde spätestens an einem Junisonntag im Jahr 1894 offenbar. Auf der sogenannten Eiswiese in der Heiligenstädter Straße frönten Gärtner, im Sold des Baron Nathaniel Mayer Anselm Freiherr von Rothschild stehend, dem Fußballspiel. Sie waren Großteils Briten. Mehrere Wiener aber stürmten das Feld, weil sie auch bei diesem neuartigen und so unterhaltsam wirkenden Spiel mitmachen wollten.

Sorge um den Rasen

Ein gewisser James Black war der größte Fußballnarr unter den Gärtnern des Baron Rothschild. Black hatte schon in einem englischen Verein gespielt. Ein Leben ohne Fußball schien für ihn auch in Wien unvorstellbar. Er animierte andere Gärtner zum Spiel, er erklärte die Regeln. Nachdem der Sohn des österreichischen Gärtnerchefs Anton Joli, Franz Joli, von einem Lehraufenthalt auf der Insel nach -Österreich zurückkam, war auch er der Liebe zum Fußball erlegen.

Erst wurde auf der Wiese des Herrn Baron das Spiel mit dem runden Leder zelebriert. Österreich gegen England, vier gegen vier. Die Furcht, dass seinem Rasen etwas passieren könnte, sorgte schließlich dafür, dass Baron Rothschild einen Spielplatz für seine Mitarbeiter suchte. Man fand ihn in der Heiligenstädter Straße, wechselte aber schon bald wegen des unebenen Platzes zur Kuglerwiese (das heutige Areal auf der Hohen Warte wurde hingegen erst 1921 bezogen). Jetzt, da es einen Spielplatz gab, stand auch der Gründung des First Vienna Football Clubs nichts mehr im Weg. Am 22. August 1894 wurde die Vereinsgründung besiegelt. Zum Dank nahm die Vienna die Farben des Hauses Rothschild, Blau-Gelb, an. Das erste Spiel der Döblinger Kicker fand am 15. November gegen den im Prater beheimateten, fast zeit¬gleich gegründeten Vienna Cricket and Football Club statt. Die Cricketer gewannen vor 150 Zusehern 4:0, wie die meisten Quellen berichten (wenngleich „Die Presse" ein 3:0 beobachtete). Allerdings agierte die siegreiche Mannschaft fast ausschließlich mit Engländern, während bei der Vienna Briten und Wiener spielten.

Der Schmäh rennt

Das Interesse des Publikums am Fußball wuchs und wuchs. Anfeuerungsrufe sind schon verbrieft, so wurden die Kicker des ATRV bereits mit den Rufen „Hipp Graz" und „Vorwärts Graz" angefeuert. Das Publikum war aber in der Urzeit des Fußballs auch noch leicht zu erheitern. So johlte man vor Begeisterung, wenn ein Spieler eine sogenannte Kerze fabrizierte, also den Ball gerade in die Höhe schoss. Manch Zuseher zählte, wie oft der Linienrichter das Fähnchen hob, im Glauben, das sei irgendwie spielentscheidend. Schon früh rannte der Schmäh unter den Zusehern. So scherzte man im Wiener Publikum über den Cricketer-Spieler Rudi Wagner und seinen gepflegten Schnauzbart, er habe wohl „ein Eichkatzl geschnupft".

Auch war es durchwegs üblich, als Spieler in der Hosentasche Zigaretten oder gar ein Cognacfläschchen dabeizuhaben. Ein Spieler namens Skalitzky, Kapitän der Vindobona, entledigte sich seiner qualmenden Virginia sogar immer erst, wenn der Schiedsrichter anpfiff. Für den Sport praktische Sehbehelfe wie Kontaktlinsen gab es hingegen noch nicht. Als berühmt galten die Sturmläufe des Cricketer-Stürmers Franz Eigl, der mangels Sehschärfe öfter nicht bemerkt haben soll, dass der Ball schon längst woanders war.

Auch die Trainingsmethoden waren noch nicht die kultiviertesten. So berichtete etwa Max Leuthe, seines Zeichens Ferslerkönig und der erste Wiener Fußballer, der es in die zuvor rein englisch bestückte Mannschaft der Cricketer schaffte, später über seine Zeit als Kicker: „Der Trainer nahm eine Handvoll Steine, stellte sich in die Mitte des Platzes und bestrafte jeden Patzer oder Rohling mit einem wohlgezielten Steinwurf."

Auch die Juristen beschäftigten sich bald mit Fußball. So wollte eine Versicherung 1897 die beim Fußball erlittene Verletzung eines Spielers als Folge eines Raufhandels einstufen. Die Justiz befand aber, dass Fußball ein Sport sei und die Verletzung als Sportunfall qualifiziert werden müsse. Fußball war also nun ein gerichtlich anerkannter Sport.

Probleme mit den Regeln

Längst war das Spiel auch nicht mehr nur etwas für Studenten und Mittelschüler. Auch die Arbeiterschaft begann, diesem Zeitvertreib zu huldigen. Das zeigt im Jahr 1898 die Gründung des 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club, der ein Jahr später in Rapid umbenannt werden sollte. Wobei dem Verein zu Beginn ein kleines Missgeschick passierte. Der Arbeiter Fußball-Club dachte 1898, eine Geheimwaffe gefunden zu haben. So nahm man am Vormittag einen Spieler auf, der schon am Nachmittag eingesetzt werden sollte. Der Mann lief auf, schnappte sich den Ball und donnerte ihn ins Tor. Es war das eigene. Die spontane Neuerwerbung hatte noch wenig Ahnung von den Fußballregeln, wie sich herausstellen sollte.

von Philipp Aichinger (Die Presse vom 29. Mai 2016)